The Last Of Us: Der PS3-Kracher des Jahres!

Alter Schwede! Da stellt man sich seelisch, moralisch und finanziell auf die Playstation 4 ein und hat die PS3 bereits aufs Abstellgleis geschoben, und dann bringt Naughty Dog einen dermaßenen Über-Hammer unters Volk, dass einem Luft und Spucke wegbleiben!

The Last Of Us

Ja, die Jungens (und bestimmt auch ein paar Mädels) aus Santa Monica haben’s drauf! Erfreuten sie Videospieler anno dazumal noch mit Crash Bandicoot und Jak & Dexter, überzeugten sie auf Sonys Next Generation mit der grandiosen Uncharted-Trilogie. Und das alles toppen sie nun mit einem Titel, der seinesgleichen sucht und auf absehbare Zeit als Referenz für zukünftige Releases gelten dürfte: The Last Of Us.

Worum geht’s?

Je weniger man von der Story kennt, umso besser lässt sich die Geschichte von Joel und Ellie genießen. Nur soviel: Im Jahr 2033 hat eine Pandemie die Weltbevölkerung drastisch dezimiert und die Natur hat die verlassenen Städte zurückerobert. Überall lauern Gefahren durch Infizierte und marodierende Banden, die um Nahrung und Waffen kämpfen. In dieser Welt soll der Schmuggler Joel die 14jährige Ellie, die ein Geheimnis in sich trägt, aus einer Quarantänezone zu einer Widerstandsgruppe bringen. Der Weg dorthin ist lebensgefährlich, und die beiden sind mehr als einmal aufeinander angewiesen…

The Last Of Us

Wie gesagt: Mehr zu verraten würde die Spannung aus der Story nehmen, die zu einem großen Teil von den Dialogen der aufmüpfigen Ellie und den launig dahingerotzten One-Linern Joels lebt. Hinzu kommen Charaktere, die nicht nur schmückendes Beiwerk sind, sondern zu einem erheblichen Teil zum Fortgang der Story beitragen.

Optik und Sound

Die Grafik sieht fantastisch aus! Wenn die letzten Strahlen der Abendsonne durch das vom Wind wogende Blätterwerk scheinen, man Ruinen verfallener Städte durchquert oder Bachläufe und Abwasserkanäle passiert, vergisst man gerne, dass es sich „nur“ um ein Spiel handelt. Im direkten Vergleich erreicht TLOU zwar nie den grafischen Level wie Uncharted aus gleichem Hause; das muss es aber auch gar nicht. Denn Ellie und Joel steht eine relativ offene Welt zur Verfügung, die nichts mit den schlauchförmigen Abenteuern Nathan Drakes zu tun hat (und demzufolge sicherlich aufwendiger zu gestalten war).

Ein weiterer Pluspunkt des Spiels ist die fantastische Gesichtsanimation der Charaktere. Die Mimik passt ausgezeichnet zu den Dialogen und man vergisst bisweilen, dass es sich um Videospiel-Charaktere handelt.

Das Sound-Design ist eine Wucht! Gerade Besitzern von Heimkino-Anlagen sei die Verwendung des kraft- und druckvollen DTS ans Herz gelegt (man kann natürlich im reichhaltigen Optionsmenü auch andere Ausgabeformate festlegen). Vogelzwitschern oder vorbeidonnernde Trucks sind ebenso subtil wie bass-lastig in die sphärischen, mit akkustischen Gitarren versetzten Klänge von Oscar-Gewinner Gustavo Santaolalla beigemischt. So entsteht eine Soundkulisse, welche das Geschehen auf der Mattscheibe perfekt unterstützt und mehr als einmal den Spieler vor Schreck erschaudern lässt.

The Last Of Us

Wie spielt es sich?

Man übernimmt die Steuerung Joels aus der Third-Person-Perspektive, während die Künstliche Intelligenz (KI) Ellie steuert. Das Zusammenspiel klappt – bis auf wenige Aussetzer – wunderbar. Auch die verschiedenen Gegner-Taktiken wissen zu gefallen: Das von Naughty Dog getaufte „Balance of Power“-System erlaubt den Gegnern auf unterschiedliche Situationen zu reagieren. Geht Joel die Munition aus, findet ein offensiver Kampf statt, während die Gegner in Deckung gehen oder versuchen zu flankieren, wenn man aus allen Rohren feuert. Apropos Ballern: Diesen „Luxus“ kann man an einer Hand abzählen, denn das Spiel geizt an allen Ecken und Kanten mit Munitionsvorräten. Und genau dieser Aspekt bringt die nötige Würze ins Spiel! Denn passend zum Setting muss man desöfteren an Gegnern vorbei schleichen oder diese, wenn es gar nicht anders geht, lautlos zur Strecke bringen. Auf den Waffeneinsatz sollte man möglichst verzichten, da sich in der Nähe befindliche Gegner sofort Richtung Geräuschquelle begeben, sobald man einen Schuß abfeuert (außer, man landet einen geräuschlosen Treffer mit Pfeil und Bogen).

Passend zum Stealth-Ambiente ist Joels Fähigkeit zu lauschen. Dabei werden in der Nähe befindliche Gegner durch Wände „visualisiert“, was eine taktische Vorgehensweise erlaubt und manchen Kampf vermeidbar macht. Von diesem Feature sollte man reichlich Gebrauch machen, denn in The Last Of Us stirbt es sich schneller, als man den Titel in seiner Länge aussprechen kann. Und getötet und gestorben wird wenig zimperlich: Von Messern in Köpfen über Arm- und Beinverluste durch großkalibrige Schrotflinten bis hin zu saftigen Bisswunden – es ist alles dabei und dazu uncut, was ich natürlich sehr begrüße! Man kann zwar in den Optionen das Blut ausschalten, dies macht das Geschehen aber keineswegs harmloser.

Ein weiterer Aspekt ist das Crafting-System. Überall in der Gegend liegen Materialien herum, die durch geschicktes Kombinieren zu haltbareren und wirkungsvolleren Waffen und Medi-Kits zusammengesetzt werden können. An speziellen Werkbänken kann man zudem seine Waffen upgraden. Hinzu kommen in der Gegend verstreute Trainingsbücher, welche automatisch Gegenstände im Inventar verbessern. Für Sammelwütige und Bastelfreudige ist also einiges geboten, gleich wenn sich das „Suchen und Bauen“-Prinzip auf rudimentäre Eigenschaften beschränkt und bei weitem nicht so ausgeklügelt ist, wie es vielleicht zu Anfang scheinen mag.

The Last Of Us

Die Missionen sind angenehm in die Story eingebettet und wirken zu keiner Zeit aufgesetzt. Die Story selbst ist spannend geschrieben und bietet durch die unterschiedlichen Charaktere eine Menge Identifikationsmöglichkeiten für den Spieler. Hinzu kommt, dass man durch die Cut-Scenes, welche nahtlos ins Spielgeschehen übergehen und die im Hintergrund stattfindenden Ladevorgänge gänzlich die Zeit vergißt und man sich eher in einer überlangen Spielfilm-Mixtur aus The Walking Dead (obwohl gar keine Zombies vorkommen), I Am Legend und The Road denn in einem Spiel wähnt.

An dieser Stelle ein ganz heißer Tipp: Spielt TLOU auf alle Fälle ab Schwierigkeitsgrad „Normal“ oder besser noch „Schwer“. Denn in diesen Modi sind Munition und Medizin rar gesät und jeder Fund wird zu einem kleinen Erfolgserlebnis, was das Geschehen noch intensiver wirken lässt. Außerdem fällt die Fähigkeiten-Liste anders aus: Während im leichten Modus das Messer-Perk fehlt, ist im Schwierigkeitsgrad „Überlebender“ (wird nach einmaligem Durchspielen freigeschaltet) die Lauschmöglichkeit deaktiviert. Zockt man hingegen auf „Leicht“ fehlt die Intensität und Spannung, da sich TLOU wie ein Uncharted spielt und man sich nahezu durch jede auftretende Feindsituation ballern kann.

Zum Multiplayer kann ich keine Aussage treffen, da ich mich noch immer ausgiebig mit der Singleplayer-Kampagne befasse. Sollte der Multiplayer wider Erwarten großartig ausfallen, werde ich ein Update nachreichen…

The Last Of Us

Keine Kritikpunkte?

Es wäre natürlich der Hammer, würde TLOU ohne einen einzigen Makel auskommen, aber dann wäre es das perfekte Spiel – und das gibt’s bekanntermaßen nicht. Allerdings fallen die Mängel ob des Gesamtpakets nicht sehr stark ins Gewicht, stören aber an einigen Stellen schon. So muss erwähnt werden, dass die KI im Großen und Ganzen einen Super-Job abliefert, an manchen Stellen aber derbe patzt. Wenn man an blinden Infizierten (sogenannte Clicker) vorbeischleichen muss und die Spannung kaum zum Aushalten ist, zerstört die KI diesen geladenen Moment dadurch, dass sie Ellie erhobenen Hauptes und rennenderweise die Bedrohung passieren lässt. What the Fuck?! Nicht, dass nun die Gegner auf uns aufmerksam werden. Im Gegenteil: Sie tun so, als hätten sie uns nicht gesehen, aber wehe, ich schaue einen Moment mit Joel zu lange aus der Deckung oder fange ebenfalls das Sprinten an… Peng! Tot! Neee, das passt nicht. Passierte zum Glück aber auch nur vier Mal. Bei anderen Kritiken las ich von keinerlei KI-Aussetzern, bei Eurogamer.de war sogar von einer vor sich hinsummenden Ellie zu lesen – keine Ahnung, ob’s bei mir Zufall war. Ich werde beim zweiten Durchspielen genauer darauf achten.

Die Dialoge sind exzellent eingesprochen und die deutsche Synchronisation braucht sich hinter den englischen Sprechern nicht zu verstecken. Allerdings sind die Lippenbewegungen an einigen Stellen nicht synchron mit den Dialogen – was sowohl bei der deutschen wie auch der englischen Variante der Fall ist und ab und an stört.

Fazit

Kurzum: Ganz klare Kaufempfehlung! Die in die Jahre gekommene Playstation 3 wird noch einmal bis zum Anschlag ausgereizt und kommt mit The Last Of Us zu der verdienten Ehre nochmal zeigen zu können, welche Power wirklich in ihr steckt und welch grandiosen Spiele dabei herauskommen, wenn sich eine fähige Coding-Schmiede der Materie annimmt. Wer keine PS3 sein eigen nennt, darf sich nun überlegen, ob er oder sie sich noch eine zulegen sollte. Dieses Spiel rechtfertigt den Kauf der Hardware in jedem Fall!

Also: Leutchen, die auf Stealth, Crafting, Horror, eine ausgefeilte Story und tolle Charaktere stehen und sich zudem Grafik- und Soundhuren nennen, dürfen bedenkenlos zugreifen! Aber dran denken: Im Schwierigkeitsgrad „Normal“ oder „Schwer“ einsteigen, um in den vollen Terror-Genuß zu kommen!

The Last Of Us